Franchise-Rockstars:
Thomas Kremer, Global Retail Solutions

Heute habe ich kein Franchisesystem zu Gast, sondern jemanden, der Franchisesysteme berät. Den Thomas Kremer von Global Retail Solutions.

Thomas Kremer

Hallo und herzlich Willkommen zu dem Franchise-Rockstars Podcast. Mein Name ist Lars Bobach, ich bin Gastgeber und Moderator der Show. Ja, heute habe ich kein Franchisesystem zu Gast, sondern jemanden, der Franchisesysteme berät. Den Thomas Kremer von Global Retail Solutions.

Der Thomas, der ist wirklich ein richtiger Kenner der weltweiten Franchiseszene muss man schon sagen. Er hat sich nämlich darauf spezialisiert ausländische Systeme nach Deutschland zu bringen oder auch deutsche Systeme ins Ausland.

Es war ein super spannendes Interview, ein super spannender Dialog schon, weil wir uns auch darüber unterhalten haben, warum Deutschland sich im Franchising so schwer tut im Gegensatz zu anderen Ländern. Er gibt auch ein paar Beispiele und wirklich auch ganz konkrete Hinweise, warum es in Deutschland teilweise schwer ist, was deutsche Systeme aber gerade auch im Ausland wahnsinnig stark machen kann.

Links

Webseite:
Global Retail Solutions

Buchempfehlungen:
James Altucher

Transkript

LB = Lars Bobach
TK = Thomas Kremer

LB:
Thomas, du als Experte in der Franchisewirtschaft, gerade auch im Ausland, was sagst du denn jetzt? Wie sieht es denn in Deutschland im Franchising im Vergleich zum Ausland aus?

TK:
Ja, ich denke in Deutschland spielt das Franchise eher eine untergeordnete Rolle. Also es findet gar nicht so wirklich statt, wie das in anderen Ländern ist. Das hat mehrere Faktoren: zum einen, also du musst …

LB:
Muss ich mal einhaken. Findet nicht statt, also ich habe ja den Torben Brodersen hier im Interview gehabt, der hat gesagt 600.000 Menschen arbeiten in Deutschland in der Franchisewirtschaft.

TK:
Ja, richtig. Aber es ist trotzdem gesellschaftlich, im Vergleich zu anderen Ländern, vielleicht noch nicht so anerkannt, sagen wir es mal so. Und was auch wichtig ist, es ist in Deutschland sehr negativ behaftet. Also das heißt, du googlest: Franchise Erfahrungen und dann kommt: „Vorsicht! Pleite durch Franchise. Pleite durch das System.“ Das ist was, was aus meiner Sicht viele Leute erst einmal abschreckt in Deutschland, sich überhaupt mit dem Thema Franchise genauer zu befassen.

LB:
Das finde ich interessant, dass du das sagst, wenn ich da einhaken darf. Weil, das ist auch mein Eindruck, dass es in Deutschland so ein bisschen negativ behaftet ist. Ich bin ja jetzt weit über zehn Jahre Franchisenehmer und auch in meinem Bekanntenkreis: „Ja, Franchise, was ist das denn schon? So Unternehmer zweiter Klasse.“ Ja, irgendwie hat das wirklich hier in Deutschland so ein Geschmäckle, wenn man so ein Franchise …

TK:
Ja, genau. Das ist es halt. Das ist in anderen Ländern anders. Also USA, da wird es generell anders gesehen. Die sind uns da immer einen Schritt voraus. Aber wenn wir jetzt zum Beispiel nach UK gehen, da hat das Franchise einen anderen Stellenwert. Da ist auch einfach viel mehr Kapital im Markt. Viele Unternehmen haben das verstanden, viele Geldgeber haben das verstanden, da fließt mehr Geld rein. Auch in der Öffentlichkeit hat das einen viel höheren Stellenwert als in Deutschland.

Wenn wir uns jetzt weiter wegbewegen, ich sage mal Region Dubai, da ist das auch so. Da gibt es halt viele Firmen, die machen nur Franchise. Ausschließlich. Und die haben da nicht ein System, sondern die haben bis zu 50 Systeme. Die wissen, damit lässt sich relativ leicht Geld verdienen und in Deutschland ist das, ich sage mal, noch nicht so. Ich hoffe, dass sich das auch ändert im Laufe der Zeit.

LB:
Ja, jetzt lass uns mal zwei Seiten da betrachten. Auf der einen Seite ist es ja gesellschaftlich irgendwie anscheinend anders und schwieriger in Deutschland. Aber auch von der Unternehmerseite, wenn wir uns jetzt erstmal die Unternehmerseite angucken, ich meine wir haben über 1.000 Franchisesysteme, nach Aussage des deutschen Franchiseverbandes. Oder 1.300 mittlerweile. Aber irgendwie, sagst du, tuen sich Unternehmen trotzdem schwer. Warum?

TK:
Ja. Genau. Also wir haben ja gerade schon mal das ganze Imagethema angesprochen. So, das sind Vorbehalte, die es gibt gegen die Branche. Das führt wiederrum dazu, dass es zum Beispiel Finanzierungsprobleme gibt. Es ist halt nicht leicht, eine Finanzierung für ein Franchisesystem zu bekommen.

Da gibt es dann wieder Beispiele, wo das gut funktioniert, aber generell ist es nicht leicht. Dann haben wir in Deutschland auch, wir haben relativ wenig Profis in dem Bereich, die sich wirklich auf Franchise fokussieren. Die das großmachen und aus diesen Erfolgsgeschichten heraus auch die positive Publicity kommt. So. Was man braucht …

LB:
OBI reicht da nicht?

TK:
Nein. Es gibt ja viele. Also ich hatte mir auch vorgenommen heute nicht über bestimmte Systeme zu sprechen, aber ich kann es immer andeuten. Es gibt ja auch sehr erfolgreiche, auch deutsche, die im Ausland super erfolgreich sind, die jeder kennt, die jeder haben möchte. Aber das ist nicht die Normalität in Deutschland.

LB:
Eher die Ausnahme.

TK:
Was in Deutschland halt auch generell ein Problem ist, die Deutschen sind halt keine Fans von Systemen. Also zumindest ein großer Teil der Bevölkerung, die sagen, wenn wir jetzt über ein Restaurant reden: „Ah, das ist Franchise. Nein, da geh ich nicht hin.“ Ist auch in anderen Ländern ganz anders. Die lassen sich eher von Marken leiten. In Deutschland geht man eher zum Italiener um die Ecke und so weiter. Das ist eher so eine gesellschaftliche, vielleicht eine Akzeptanz oder ein Akzeptanzproblem.

LB:
Wenn ich das zusammenfasse, also wir brauchen mehr Leuchtturm-Unternehmer, die für Franchising stehen, da Erfolgsgeschichten schreiben, damit das hier auch ein bisschen anerkannter wird.

TK:
Ja, definitiv. Das ist der eine Teil. Aus meiner Sicht haben wir aber auch das Problem, das ist aber nicht nur ein deutsches Problem, du hast gesagt, es gibt über 100 Franchisesysteme in Deutschland, die Frage ist, wie viele davon machen denn Gewinn? Oder anders, mit wie vielen von diesen Systemen kann ich denn als Partner Geld verdienen? Da trennt sich die Spreu vom Weizen.

Und das ist nicht der überwiegende Teil mit dem ich viel Geld verdienen kann. Das ist ja so. Wenn ich mit einem Franchise Geld verdienen kann oder wenn ein Franchisesystem Geld verdient, dann ist das nächste Problem, wie wird das Geld verteilt zwischen Franchisegeber und Franchisenehmer. Wenn ich dann wiederrum eine sehr hohe Franchisegebühr ansetze, bleibt weniger für den Franchisenehmer. Der muss das Geld verdienen.

Der Franchisegeber, der verdient das Geld nachher durch die Multiplikation. Indem er viele Partner hat, die jeweils einen kleinen Prozentsatz zahlen und nicht wenige Partner, die viel zahlen. Also haben wir erstmal: Wird Geld im System verdient? Wenn Geld verdient wird, wie wird das Geld verteilt? Darüber muss ich mir erstmal Gedanken machen.

Dann, aus meiner Sicht ein ganz großes Problem in Deutschland ist natürlich auch, wie finde ich Partner? Bei den Partnern müssen wir unterscheiden, es gibt einen Single-Human-Franchisepartner. Das bedeutet ich bin ein Franchisepartner, habe einen Standort. So, dass …, die sind natürlich in Deutschland auch wiederum schwer zu finde, diese Leute.

Zum einen, wir haben annähernd Vollbeschäftigung. Das heißt: Warum soll ich denn meinen Job kündigen, wo ich gut verdiene, um in die Selbstständigkeit zu gehen? Und wenn ich mich selbstständig mache, dann muss ich auch noch ins Franchise gehen. Eher schwierig diese Leute zu finden, wenn es der Wirtschaft gut geht. Das sieht man auch ganz klar, je besser es der Wirtschaft geht, desto weniger Selbstständige, desto weniger Franchisenehmer. Ist auch ein deutsches Problem. Risiko, ja, dass die Leute nicht bereit sind, Risiken einzugehen.

Den zweiten Part oder die zweite Sorte von Partner, die Multi-Unit-Franchise machen, also mehrere Standorte eröffnen, das gibt es in Deutschland wenig. Das ist gar nicht so bekannt. Die Problematik aus meiner Sicht, den Fehler den viele Systeme machen, ist, dass sie halt pro Standort immer nur einen Partner haben.

LB:
Aber Thomas, wenn ich da mal einhaken darf, ich habe ja jetzt hier einige schon interviewt und es gibt wirklich viele Systeme, die wollen das gar nicht.

TK:
Richtig.

LB:
Die wollen gar nicht den Multi-Unit.

TK:
Ja. Richtig, korrekt. Das kann ja auch gut funktionieren, wenn der Partner Geld im System verdient. Wenn das System genug Geld insgesamt erwirtschaftet und die Partner können davon gut leben, ist das ja auch toll. Dann ist das ja auch gut. Das ist dann, das kann dann „Buy a Job“ sein. Ich kaufe mir den Job, indem ich ein Franchise mache. Vielleicht kann ich damit auch viel Geld verdienen.

Aus meiner Sicht die Problematik ist dann, nehmen wir an, wir haben Single-Unit-Modell und vier Standorte. So, oder wir haben fünf Standorte. Vier sind erfolgreich, einer ist nicht erfolgreich. Dieser Partner wird mir irgendwann hinten rüberkippen. Der hat die finanziellen Ressourcen nicht und dadurch leidet das System natürlich.

Habe ich aber einen Partner, der finanziell stark ist und fünf Standorte hat, dann gleicht der den einen Standort, den schlechten, mit den vier guten bis mittleren aus. Das heißt, wenn ich einen Partner habe, der, das klingt jetzt, das ist natürlich auch ein Wunschdenken, manche Systeme machen das, manchen können das auch nicht, aber wenn ich starke Partner habe, die auch mal eine Schwächephase durchstehen und mehrere Standorte haben, dann stützt das insgesamt das System. Bei vielen Systemen ist es aber nicht möglich, weil es nicht so multiplizierbar ist.

LB:
Also deine Sicht der Franchisewelt ist die, dass du sagst: „Franchisesysteme sollten viel mehr Wert auf Multi-Unit-Partner legen, weil das das System stabilisiert. Und auch den Ruf nachträglich wirklich positiv beeinflussen kann, der ganzen Franchisewirtschaft.

TK:
Ja, das nicht zwangsläufig. Wie gesagt, einige Systeme eignen sich nicht dafür, weil es nicht möglich ist, mehrere, aus verschiedenen Faktoren, mehrere Standorte zu betreiben. Weil ich als Franchisenehmer selber da drinstehen muss, weil sonst kein Geld verdient wird. Die Systeme, die scheiden schon mal aus. Ich sehe es aber …

LB:
Das ist ja generell die Frage, ob das ein gutes System ist, wo das so ist. Ich sage mal, wenn ich wirklich in meinem Laden, ich kenne ja solche Franchisesysteme auch, wenn du da, das ist ein Ladenlokal, da musst du wirklich 60 Stunden die Woche drinstehen und hast am Ende des Jahres 35.000 Euro verdient.

TK:
Wenn es gut läuft.

LB:
Da fragt man sich ja, wer will denn sowas tun?

TK:
Ja, genau. Das ist ein generelles Problem, wo ich sage: „Okay, brauchen wir denn jedes Franchisesystem am Markt von den 1.000?“ Ich bin jetzt nicht dafür zu sagen: „Okay. Das macht keinen Sinn“, es gibt auch Leute die damit vielleicht zufrieden sind. Aber die Partner stehen unter einem extremen Druck. Die arbeiten, wie du sagst, 60 Stunden, dann arbeitet die Familie noch mit und am Ende des Monats bleiben 2.000 Euro.

Ob das jetzt wirklich ein gutes System ist, weiß ich nicht. Damit fällt auch das Multi-Unit bei denen schon mal aus. Wenn ich aber ein System habe, wo sich Geld verdienen lässt, nachweislich, dann macht es aus meiner Sicht Sinn, dem Partner mehr Verantwortung zu geben und einen weiteren Standort zu eröffnen. Es gibt ja auch genug Beispiele, wo das gut funktioniert in Deutschland.

Die Partner wissen schon, was die machen. Die sind verlässlich. Es gibt schon Vertrauen. Wenn der zweite Standort doch nicht direkt anläuft, dann gleiche ich das mit dem Geld, was ich im ersten verdiene aus und so weiter. Wenn aber der erste Standort vom Partner schon nicht läuft, dann muss ich den vielleicht zurückkaufen, muss den schließen, ich muss eine ganze Region schließen. Das gibt es teilweise im Ausland auch, dass es einfach professionelle Partner gibt, die mehrere Standorte oder vielleicht sogar mehrere Systeme haben.

LB:
Also, das siehst du im Ausland wirklich so, dass da-, gibt es denn da diese Franchisesysteme von denen wir gerade gesprochen haben? 60 Stunden arbeiten, wenig Geld verdienen, gibt es die im Ausland gar nicht? Also in den USA oder in der UK?

TK:
Doch, doch. Das ist jetzt auch, was ich jetzt gerade gesagt habe zum Beispiel. Nehmen wir das Beispiel USA, auch da ist die Frage, wie viele der Systeme verdienen überhaupt Geld, beziehungsweise, wie viele der Franchisenehmer verdienen denn überhaupt Geld?

Der Franchisegeber verdient fast immer Geld durch die Gebühr. Der Franchisenehmer, der muss das Geld ja wirklich verdienen. Und auch, wenn ein Franchisesystem Geld verdient, heißt das ja nicht, dass alle Geld verdienen. Da kann man relativ schwierig reinkommen.

LB:
Da habe ich auch eine ganz interessante Diskussion geführt mit dem Frank Roebers hier in den Franchise-Rockstars. Der sagt ja, dass sein größter Fehler im Franchising war, dass die Zentrale Geld verdient hat, auch wenn dem Partner es schlecht ging. Das fand ich wirklich einen ganz bemerkenswerten Satz und der ist, finde ich, wahnsinnig tiefgründig und auch wichtig in der Franchisebranche, dass sich das jede Zentrale fragen sollte.

TK:
Genau, das ist aus meiner Sicht ganz wichtig und die Franchisezentrale, ich habe es eingangs schon mal gesagt, die verdient das Geld, indem sie von jedem Franchisepartner ein bisschen Geld verdient und nicht von jedem viel. Das funktioniert nicht. Wenn ich zehn Prozent Franchisegebühr habe und ich ziehe das jeden Monat von meinem Umsatz ab, da bleibt irgendwann nichts mehr übrig.

Dann kann ich so viel arbeiten, wie ich will, ich verdiene kein Geld. Die Zentrale verdient dabei immer Geld. Für die Zentrale ist es aber auch schwierig, weil sie ab einer bestimmten Größe wirklich qualifiziertes Personal braucht. Die ersten, vielleicht, kann ich die ersten eins, zwei, fünf Franchisepartner noch irgendwie so durchnavigieren, aber dann brauche ich diese Professionalität. Die kostet Geld und die brauche ich ja dann auch von meinen Franchisepartnern.

Vielleicht können wir da gleich noch ein bisschen ausführlicher drüber reden. Es ist ja auch, weil wir gesagt haben, warum tut sich Deutschland beim Franchise so schwer? Ausländische Systeme kommen ja auch nicht so leicht in den deutschen Markt. Das hat ja auch verschiedene Gründe. Es gibt ja viele Systeme, die sind in ganz vielen Ländern, aber nicht in Deutschland aktiv.

LB:
Ja gut, da kann ich aus eigener Erfahrung reden. Das hat natürlich viel mit dem System zu tun. Ich weiß, damals vor 15 Jahren, als ich mich mit Franchising beschäftigt habe, also mein erstes System damals ausgesucht habe, da habe ich mich zum Beispiel mit Mailboxes etc. auseinandergesetzt. Die haben damals wirklich noch so eine Art Regional-Franchise vergeben.

Ich weiß gar nicht, ob die das jetzt noch machen. Und da war hier in der Gegend sogar was frei und da war ich sehr interessiert. Irgendwann wurde mir dann klar, die sind ja wahnsinnig erfolgreich, zum Beispiel in den USA, sowieso, aber auch in Italien. Und dann habe ich mich mal gefragt, warum sind die da so erfolgreich? Ich habe dann auch mit einem Sparringspartner, einem Freund von mir, darüber gesprochen und der sagte: „Ja, überleg doch mal. In Italien und in Amerika hat die Post einen wahnsinnig schlechten Ruf. Da sind die froh, dass es da plötzlich eine Alternative gibt. In Deutschland hat die Post nicht den schlechtesten Ruf. Sie funktioniert ja.“

TK:
Genau.

LB:
Und deshalb tun die sich hier so schwer. Also das kann auch sein. Das kann also auch schwierig sein, weil natürlich jeder Markt in irgendeinem Land auch irgendwie anders funktioniert. Aber du wolltest auf was Anderes hinaus, glaube ich.

TK:
Nein, das trifft es schon ziemlich gut. Wir haben in Deutschland auch ein sehr gutes Ausbildungssystem. Das heißt, die Leute, wenn wir jetzt zum Beispiel in den Handwerksbereich gehen, bekomme ich bei einem Handwerker ja auch eine gute Leistung und hoffentlich auch zu einem guten Preis.

Das ist in anderen Ländern aber nicht so. Oder, ich gehe in Deutschland zum Frisör, zahle wenig Geld, bekomme aber einen guten Haarschnitt. Das liegt am deutschen Ausbildungssystem. In vielen Ländern wird durch das Franchise auch ein gewisser Qualitätsstandard ja auch vorgegeben, den es sonst gar nicht gibt. Und deswegen, in Deutschland haben wir oft schon sehr hohe Qualität und das muss kein Franchise sein.

LB:
Das ist ein sehr interessanter Punkt, den du da ansprichst. Der ist mir vorher noch gar nicht so bewusst geworden. Weil das deutsche Ausbildungssystem mit Lehre, das sucht ja in der Welt seinesgleichen. Da sind wir ja wirklich führend. Deshalb, ich denke mir, ich frag mich ja die ganze Zeit, wann fängt mal einer an und macht eine Dachdecker-Kette, ein Franchising da draus. Das wäre doch wirklich geschaffen dafür.

TK:
Ja. Genau. Das ist ja auch mein Denken. Ich meine, wir müssen uns ja nicht weit weg bewegen, aber in Europa gibt es eine Hand voll Länder, wo es gute Handwerksdienstleistungen gibt. Und in dem Rest ist das ein Glücksspiel, ob die Person, die kommt, weil sie hat es halt oft gar nicht gelernt, sie versucht es einfach. Und deswegen wartet Deutschland nicht unbedingt auf diese Art Systeme, weil wir sind da schon gut.

Wir sind halt auch sehr preisaggressiv erzogen worden, wir Deutschen. Das wissen alle. Wir sind halt sehr vorsichtig, wie wir unser Geld ausgeben. Wir vergleichen alles, wir wollen immer billig kaufen und das ist natürlich auch schwierig, dann in den Markt einzutreten.

LB:
Okay, also deshalb tun sich externe oder jetzt ausländische Systeme in Deutschland schwer?

TK:
Ja. Und natürlich die Sprache ist halt ein unheimliches Problem. Also klar, in UK kann ich mit Englisch punkten, auch in Skandinavien, in den Niederlanden, da ist das ganz normal, dass man auch im Alltag Englisch spricht. Das fehlt ja in Deutschland. Das ist halt eine unheimliche Hürde für Systeme hier rein zu kommen.

LB:
Ja. Kann ich mir vorstellen. Das habe ich jetzt verstanden. Jetzt berätst du aber auch viele Systeme, die aus Deutschland ins Ausland gehen wollen.

TK:
Genau. Richtig.

LB:
Und da habe ich auch hier, das ist auch super interessant, in den Rockstars ganz unterschiedliche Erfahrungen gehört. Manche sagen, bei Engel & Völkers war das zum Beispiel so, der größte Fehler war, sie sind unvorbereitet ins Ausland gegangen, haben wahnsinnig viel Lehrgeld zahlen dürfen.

Andere Systeme, wie VOM FASS, die sind eher so, ja organisch, so ein bisschen, gerade wo eine Anfrage kam, gewachsen. Sind dadurch in sehr vielen Ländern sehr klein, sehr granular vertreten und sagen, das funktioniert für sie. Also auch ganz unterschiedliche Erfahrungen. Was sind deine da? Welche Erfahrungen hast du gemacht?

TK:
Ja, du hast eigentlich zwei gute Beispiele jetzt schon gebracht. Aus meiner Sicht hängt das erstmal von der Art des Systems ab. Wie leicht ist es auf dem Markt adaptierbar? Was brauche ich, um zu expandieren? Weil manchmal kann es sehr schwierig sein, wenn ich viele Dienstleistungen, viele Güter adaptieren muss auf einem lokalen Markt, auch sprachlich.

Manchmal ist es aber sehr leicht und ich kann das System relativ leicht in einen anderen Markt bringen und dort auch skalieren. Das hängt sehr, sehr stark vom System ab. Ich glaube, wir haben einen Vorteil, was viele unterschätzen: Qualität aus Deutschland ist halt gefragt.

Also die Leute, die wissen, auch wenn ich ein System präsentiere, Deutschland steht für Verlässlichkeit, für Qualität. Wir haben eben einen sehr, sehr guten Ruf in der Welt. Auf der anderen Seite haben wir auch den Ruf, dass wir sehr langsam und kompliziert sind. So und das wägen die Leute in anderen Ländern auch manchmal ab, so ein bisschen. Es gibt positive Sachen, die Deutschland repräsentieren und es gibt auch ein paar, ich sage mal, negative, weil wir ein bisschen komplizierter als unsere Nachbarn vielleicht sind.

Aus meiner Sicht, wenn ein System ins Ausland geht, man muss sich erstmal vergegenwärtigen: Man ist einer unter vielen. Auch im Ausland gibt es Franchise, der Wettbewerb ist auch hart und keiner wartet auf das System. Das ist einfach so. Also viele Systeme oder die Eigentümer denken natürlich, mein System ist das Beste, was es gibt. Das ist ja auch gut so. Aber nicht jeder erkennt das auf den ersten Blick. Und deswegen, bevor ich ins Ausland gehe, würde ich mir auf jeden Fall erstmal Gedanken machen, okay was ist denn meine USP? Was macht mein System stark und was hat es auf meinem Heimatmarkt stark gemacht? Das muss ich erstmal wirklich objektiv rausarbeiten.

LB:
Aber steht ja jetzt schon drunter, dass ich erstmal auf dem Heimatmarkt stark sein muss, bevor ich ins Ausland gehe.

LB:
Ja, aus meiner Sicht schon. Es gibt Systeme die sind in Deutschland noch klein und expandieren schon. Ich glaube aber, man sollte erstmal im Heimatmarkt stark sein. Man muss auch Geld verdienen. Weil, das kostet einfach Geld. Egal. Du musst Verträge haben, du musst es prüfen lassen, du musst reisen, du musst adaptieren. Und es dauert Zeit. Also es ist nicht so, dass man sagt, wir gehen ins Ausland und in drei Monaten haben wir die ersten Partner und die ersten Standorte.

Ich würde mal sagen, so aus meiner Erfahrung heraus, eins, zwei Jahre wird das dauern, bis man überhaupt den Erfolg sieht. Das passiert halt nicht über Nacht. Das ist auch was, was manche unterschätzen. Ja, wir haben einen Partner und dann machen wir auf und dann verdienen wir viel Geld. Auch im Ausland verdienen wir das Geld erst über die Skalierung. Wir brauchen halt möglichst schnell viele starke Partner oder viel Standorte, damit auch Geld zurückkommt.

LB:
Aber, was ich verstanden habe ist, du sagst man muss Geld verdienen hier, stark sein im Heimatmarkt, in Deutschland, bevor man über das Ausland nachdenkt. Und dann, da würde ich jetzt gerne nochmal drauf eingehen, sagst du, sich seine USPs klar machen. Ich meine, das sollte man als Franchisesystem ja eh, dass man sagt, warum soll ich das verfranchisen. Ich muss ja, ich sage mal, Alleinstellungsmerkmale haben. Und dann gucken, ob diese auch im Ausland funktionieren in den Märkten.

TK:
Genau, richtig. Weil, wenn es in Deutschland klappt, heißt es ja nicht, dass es im Ausland klappt. Vielleicht gibt es im Ausland ja einen Wettbewerber, der schon 90% vom Markt abdeckt. Warum sollte ich dann in das Land eintreten und gegen einen etablierten Wettbewerber kämpfen, den schon alle kennen und der gut aufgestellt ist? Das könnte eine Sache sein.

Deswegen sage ich auch den Leuten, oder den Systemen oder meinen Kunden, die auf mich zukommen, lass uns erstmal das Potential eruieren. Ich nenn das jetzt opportunity based approach, das heißt, lasst uns doch mal zehn Länder angucken und kurz analysieren. Das muss keine Raketenwissenschaft sein, aber wenn wir, wir sollten nicht sagen: „Oh, jetzt sind wir in Deutschland stark, wir müssen jetzt unbedingt nach Polen.“ Warum? Lass uns doch erstmal die Welt angucken, oder Europa und sagen, welches Land erscheint uns denn geeignet, um dort hinzugehen.

Aus verschiedenen Faktoren. Wo gibt es noch kein System in der Art? Wo können wir das? Warum können wir das leichter hinbringen? Vielleicht haben wir schon starke Partner, die daran interessiert sind. Wir müssen das alles berücksichtigen, das ist meine Meinung, um dann massiv in ein Land einzusteigen. Aber das Land sollten wir wirklich prüfen, um da reinzugehen. Nicht einfach, ich sage mal, zufällig in dieses Land eintreten, weil sich gerade eine Chance ergibt.

LB:
Okay. Kannst du da mal ein Beispiel nennen? Ich meine, du wolltest jetzt nicht konkret Systeme nennen, aber so, damit man mal ein Gefühl kriegt dafür, was du damit genau meinst?

TK:
Ich kann zwei Beispiele bringen von Systemen, wo es beide Mal gut funktioniert, aber mit einem komplett unterschiedlichen Ansatz. Das eine ist auch ein Kunde von mir, die wachsen, genau wie du auch schon gesagt hast, organisch. Die sind in Deutschland stark und gehen dann mit bestehenden Partnern über die Grenze. So, die Partner kennen das System schon, die vertrauen sich. Dann kann man erstmal über die Grenze gehen, die ersten Standorte eröffnen. Das System hat Erfolg und dann kann ich auch viel schneller neue Partner hinzugewinnen.

Ich brauche halt immer oder fast immer ein proof of concept. Alle fragen danach: „Habt ihr Standorte?“ „Ja.“ „Verdient ihr damit Geld?“ Wenn ich noch keinen Standort habe, ist das natürlich schwierig. Der erste ist immer der schwierigste. Im Heimatmarkt oder auch im ausländischen. Klappt wunderbar. Dann wachse ich organisch aus Deutschland raus in die Nebenmärkte. Und dann kann ich vielleicht in ein paar Jahren oder auch in naher Zukunft den nächsten Schritt wagen.

Dann habe ich einen anderen Kunden, der ist in Deutschland und in Frankreich und in Schweden. Da gehen wir aber jetzt in sehr weit entferne Märkte. Wir gehen jetzt nach Bahrain, nach Kuwait, nach Saudi-Arabien, das funktioniert auch. Das funktioniert aber, weil das System anders ist. Das heißt, wir überlegen uns erstmal, okay, wo sind starke Partner? Was brauchen wir für die Expansion? Können wir das schaffen? Was brauchen wir für ein Backup aus der Systemzentrale? Können die Partner was davon übernehmen? Kann ich was davon übernehmen?

Die Expansion muss ja nicht immer gleich sein in jedem Land. Das hängt ein bisschen da von den Gegebenheiten ab, die man hat. Deswegen kann ich auch nicht sagen, es ist das Beste, wenn ich erstmal von Deutschland nach Österreich gehe. Ich kann auch von Deutschland in ein anderes Land gehen. Kommt drauf an.

LB:
Okay. Also es muss ganz individuell betrachtet werden. Ja, Thomas, erstmal vielen Dank, bis hierhin hast du uns einen guten Einblick gegeben, so wie die unterschiedlichen Länder ticken und warum wir Deutschen uns hier beim Franchising so schwertun.

Das war, aus meiner Sicht, eine sehr interessante Diskussion. Du hast mir da auch noch einige super Einblicke gegeben. Jetzt erzähle uns mal ganz kurz, wo man dich im Netz findet und was du alles so anbietest.

TK:
Genau, also im Netz findet man natürlich mein Unternehmen: die Global Retail Solutions unter der www.globalretailsolutions.de, da findet man auch meine Kontaktdaten. Ich bin ziemlich umtriebig auf LinkedIn, weil ich das generell für eine sehr gute Plattform halte. Und wenn da einer Interesse hat, dann soll er mich einfach kontaktieren. Es ist ja auch heute rausgekommen, was ich mache: Ich berate Systeme, die ins Ausland gehen wollen oder die mit der Idee spielen, ins Ausland zu gehen. Man kann mich auch einfach als Sparringspartner nutzen.

Ich habe halt die Erfahrung ja in vielen, in 20 Märkten, würde ich mal tippen, habe ich gearbeitet. Ich habe Verträge in sehr vielen Ländern moderiert oder ja verhandelt. Da kann man mich fragen. Aber auch sonst, wenn man auch Sachen in Deutschland, im Heimatmarkt-. Wie soll ich denn in Deutschland expandieren? Macht es Sinn, dieses System im deutschen Markt zu etablieren? Ich denke, das sind so, das sind die zwei von drei Bausteinen, die ich anbiete.

Und der dritte ist natürlich, wenn Partner Interesse haben, selber Franchise zu machen. Also, wenn sie sagen, ich habe Geld und, vor Allem was noch viel wichtiger ist aus meiner Sicht, ich habe die Motivation was zu machen. Geld nützt nichts, man braucht die Motivation. Wenn jemand Lust auf Franchise hat und er hat schon eine Idee, auch da kann ich Sparringspartner mit meinen Erfahrungen sein und wir können dann gemeinsam überlegen, ob es erfolgversprechend ist, wenn man das macht.

LB:
Okay. Super. Ja, Interessierten kann ich nur raten, mit dir, mit dem Thomas Kremer da mal Kontakt aufzunehmen. Kommen wir jetzt zu den Schlussfragen, bevor wir uns dann verabschieden. Thomas, welches Buch hat dich als Mensch und Unternehmer am meisten geprägt?

TK:
Ganz viele Bücher. Deswegen habe ich auch kein spezielles jetzt. Von James Altucher höre ich ziemlich viele Podcasts, ich habe auch ein paar Bücher von ihm gelesen. Ich finde das sehr gut, weil er einfach sehr ehrlich ist und nicht nur seine Erfolge, sondern auch seine Niederlagen ganz offen darlegt. Finde ich sehr interessant. Hat mir auch immer geholfen. Ich lese das abends ab und zu auch das, was er schreibt. Kann ich jedem empfehlen.

LB:
Okay. Super. Was würdest du denn mit all deiner Erfahrungen, deinem 25jährigen Ich raten?

TK:
Mach dich selbstständig! Mach dein eigenes Ding. Auf jeden Fall.

LB: Okay. Hast du ja.

TK:
Ja, habe ich auch. Und vielleicht hätte ich es sogar ein bisschen früher machen sollen, das weiß ich nicht, aber ich kann es jedem empfehlen. Aus meiner Sicht das Beste, was man machen kann.

LB:
Ja. Mich juckte es auch eben, als du gesagt hast, in Deutschland fragen sich viele, warum soll ich mich denn selbstständig machen, ich habe doch einen sicheren Job, da hätte ich gesagt: „Sag mal, soll ich dir jetzt sofort zehn Gründe nennen?“, die wären mir sofort eingefallen.

TK:
Ja, das ist aus meiner Sicht, die Leute wollen kein Risiko eingehen. Die sehen eher das Risiko, als die Chance, die sich daraus ergibt.

LB:
Ja, das ist wirklich schade. Genau. Dieses Risiko oder diese Problemfixiertheit, die wir Deutschen leider teilweise haben. Und die Chancen lassen wir dann leider außen vor. Thomas, hat super viel Spaß gemacht. Danke dafür. Du hast uns einen super Einblick in die Franchiseszene gegeben. Vielen Dank dafür.

TK:
Sehr gerne.

LB:
Ja, ich wünsche dir und euch natürlich wieder mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Ciao.

TK:
Ja, tschüss, mach es gut.

[ssba]